Meine Begegnung mit der Wandskulptur COME TOGETHER II

 

Gerda-Maria Adenau
von Gerda-Marie Adenau
März 2021

Alles begann mit einem stillen Moment zwischen uralten Ammoniten und einer Visitenkarte. Mein Weg zu Come together II. 

2003 - Mit Anfang 40 fand ich mich alleinerziehend mit zwei kleinen Kindern wieder. Es war eine schwere Zeit damals. Neue Wohnung. Neues Leben. Meine Bilder aufzuhängen, gab mir ein Gefühl der Heimat und Zuversicht. Wie von selbst verteilten sie sich in der Wohnung und begannen ihre Zwiegespräche.
Nur an die weiße Wand über der Couch traute sich keines heran. Der Platz blieb leer. Jahrelang. Was mir nichts ausmachte. Im Gegenteil: Die weiße Wand wurde für mich zum Sinnbild der unbekannten Möglichkeiten. Ich wusste, irgendwann würde mich das passende Bild finden. Groß würde es sein. Kraftvoll. Manchmal begab ich mich sehnsuchtsvoll auf die Suche. Doch Liebe lässt sich nicht erzwingen. 

2014 – ich bin mit einem Mineraliensammler liiert. Mineralien, nun ja. Wolfgangs alljährliches Highlight sind die Mineralientage in München, eine internationale Fachmesse für Mineralien, Edelsteine, Schmuck und Fossilien. Wie auch in den Vorjahren möchte er an einem eigenen Stand einige seiner Schätze verkaufen und mit anderen Mineralienenthusiasten fachsimpeln. Er schenkt mir eine Freikarte. Na gut. 

Am Samstag mache ich mich also auf in die Messehallen von München-Riem. Drinnen versuche ich mich zu orientieren. Große Tafeln geben Auskunft, die Ausstellung unterteilt sich in vier Themenwelten: die Mineralworld, die Gemworld, die Fossilworld und die Stoneworld

Ich starte meinen Rundgang in der Gemworld, tauche ein in die glitzernde, funkelnde Welt der Ringe, Broschen, Ketten mit kostbarsten Edelsteinen. Schon nach kürzester Zeit bin ich gesättigt und begebe mich auf die Suche nach Wolfgang in der Mineralworld. Neben den großen Ausstellungsständen professioneller Händler gibt es auch Hallen, in denen Freizeitsammler und Vereine ihre Schätze präsentieren. Ich finde Wolfgang in der Abteilung "alpin", tief versunken in einem Fachgespräch mit einem Kunden. Da darf ich natürlich nicht stören. Ich ziehe weiter.

Wandskulptur COME TOGETHER
Die erste Begegnung in München - COME TOGETHER

Nach einer Stunde bin ich vollkommen erschöpft. Mir ist alles zu viel. Zu viele Stände. Zu viele Steine. Zu viele Menschen. Ich flüchte. Lande in einem großen, ruhigen, begehbaren Stand mit einigen wenigen Wandobjekten und Stelen. Eine Oase der Ruhe. Ich schaue mich um. Schiefertafeln, Ammoniten, knorriges Olivenholz. Uralt. Unbegreiflich alt. Modern verarbeitet. Groß. Kraftvoll. Klar. Langsam gehe ich von Objekt zu Objekt. Schaue. Mein Blick bleibt an einer Schiefertafel hängen, auf der sich zwei halbe Ammoniten aufeinander zubewegen. "Come together" heißt es passenderweise. Ich bin verzaubert.

Ich stecke mir eine Visitenkarte ein, die einzige an diesem Tag. Hendrik Hackl. Wenn ich in sechs Wochen immer noch an die Objekte denke … 
 

Come together II

Vier Wochen sind seit der Mineralienmesse vergangen. Jeden zweiten Tag bin ich durch Hendrik Hackls Internetseite mäandert. Jedes Mal bin ich hängen geblieben an „Come together“. Ich rufe den Künstler in seiner Werkstatt in Mannheim an. Um zu erfahren, dass mein Liebling bereits verkauft sei. Was für eine Enttäuschung. Doch Hendrik Hackl hat die Lösung: „Wissen Sie was, ich fertige Ihnen das gleiche Objekt noch mal an. Come together II. Wenn Sie möchten, können Sie sich auch die Ammoniten aussuchen.“ Zwei Nächte schlafe ich über den Vorschlag, dann nehme ich ihn an. Und so lege ich Ende Dezember bei meinem nächsten Heimatbesuch in die Eifel einen Stopp in Mannheim ein.

Besuch in der Werkstatt

Auf den Mineralientagen hatte ich Hendrik Hackl nur am Rande wahrgenommen. Nun bin ich sehr gespannt auf ihn und seine Werkstatt. Das Navi führt mich in eine kleine Straße mit älteren Häusern. Die Auerhahnstraße 9 begrüßt mich mit einem großen grünen Tor. Durch einen Hof mit allerlei Figuren verschiedenster Machart geht es in die Werkstatt. Mein Blick huscht durch den Raum. Der große Arbeitstisch. Ein schweres Schweißgerät. Steinplatten. Eisenrahmen. Ich bin beeindruckt.  

Hendrik Hackl ist ein schlanker, feingliedriger Mann mit kurzen Haaren, offenem, freundlichen Blick und ruhigen Bewegungen. Ich habe den Eindruck, er spürt, dass dieser Kauf etwas ganz Besonderes für mich ist, und ich immer noch mit der endgültigen Entscheidung ringe.

Der Augenblick der Entscheidung

Hackl zeigt mir die Schieferplatte: "Sie stammt aus dem schwäbischen Holzmaden." Vor ca. 180 Millionen Jahren, im Jura-Zeitalter, erstreckte sich über ein weites Gebiet das Jura-Meer. Als dereinst die Wassermassen durch tektonische Verschiebungen ins offene Meer abflossen, blieben riesige Schlammschichten zurück. Ichthyosaurier, Krokodile, Seelilien, Ammoniten, Fische und Belemniten blieben eingeschlossen im Schlick zurück. Unter hohem Druck und völligem Luftabschluss wurden der Schlamm und die Meerestiere in Jahrmillionen schichtweise zu Jura-Schiefer zusammengepresst. 

Andächtig streiche ich über die Schieferplatte, spüre die Unebenheiten, betrachte die vielen kleinen Einschlüsse. Hackl geht zu einem großen Korb, greift hinein und holt verschiedene, aufgeschnittene Ammoniten heraus, von denen ich mir ein Paar aussuchen darf: Ich halte 100 Millionen Jahre in meinen Händen. Sorgfältig treffe ich meine Wahl.

Damit ist der Kauf endgültig besiegelt. Hendrik Hackl macht sich ans Werk, und ich fahre weiter zu meiner Familie in die Eifel. 

Die Zusammenkunft

6. Januar 2015: Wieder stehe ich in der Werkstatt. Die ganz Fahrt über habe ich diesem Augenblick entgegengefiebert und mir die bange Frage gestellt, ob mein "Come Together" den gleichen Zauber entfalten würde wie das Original einige Monate zuvor in der Ausstellung.  

Hackl führt mich zu seinem Werk.  Er weiß, wann es Zeit ist, zu schweigen. Ich schaue es an. Lange. Die Ammoniten kichern und wispern. Und ich weiß: Wir werden uns sehr gut miteinander verstehen.

Wandskulptur COME TOGETHER
COME TOGETHER II - 80 x 80 cm - Ammonit, Posidonienschiefer, Eisenrahmen